Offener Brief eines Mitglieds an die Handwerkskammer

Dieser Brief wurde uns von einem Handwerksbetrieb der unternehmer-gegen-S21 zugesendet.

Offener Brief gesendet an den Vorstand der Handwerkskammer und die Mitglieder der Vollversammlung
(19-Okt-2010)

Sehr geehrte Damen und Herren,

über die Mitgliederzeitschrift der Handwerkskammer erfuhren wir, dass im Rahmen der Vollversammlung ein Dialog zu dem Projekt Stuttgart 21 stattfinden sollte.

Erfreut darüber, dass die Handwerkskammer in einer mitgliederöffentlichen Sitzung doch den Dialog mit ihrer Basis sucht (im Gegensatz zu der IHK), meldeten wir uns an, in der Hoffnung auf einen anregenden Diskussionsabend.

Hr. Dietriech, der Projektsprecher von S 21 hat einen Gesamtabriss des Projektes gegeben und betonte am Schluss seines Vortages, dass er nun gerne - auch kritische - Fragen beantworten wolle.

Leider war es uns nicht möglich auch nur einen Diskussionsbeitrag zu stellen, da der Versammlungsleiter nach meiner Wortmeldung darauf hinwies, dass nur gewählte Mitglieder der Vollversammlung Rederecht hätten.

Daraufhin mussten wir (das waren vielleicht 15 Leute) zuhören, wie die Redeberechtigten sich gegenseitig austauschten, die "Bürger müssten an die Hand genommen werden" und "frühzeitig beteiligt" werden, die Versammlung unterhielt sich über gelebte Demokratie. Bitter enttäuscht, über die Art, wie die Handwerkskammer Dialoge mit ihren Mitgliedern führt verließen wir die Versammlung vorzeitig, um gerade noch rechtzeitig zur Montagsdemo zu kommen. Denn die Masse wird da ja in der Zwischenzeit gehört. Auch die auswärtige Presse nimmt die Kritikpunkte der Basis zur Kenntnis.

Ich denke die Versammlungsmitglieder waren sich - bis vielleicht auf die nicht Redeberechtigten - nicht bewußt, dass diese Vollversammlung charakteristisch für die Außeinandersetzungen um Stuttgart 21 sind:

Eine demokratisch legitimierte Versammlung beschließt (wir denken mal, wir werden in der Zeitung lesen, dass ein Beschluß fiel)

  • ohne sich in der Breite über "Für" und "Wider" zu informieren
    (denn es war nur Hr. Dietich vom Projekt S 21 im Vortag und niemand der Gegenseite)
  • und wundert sich vielleicht irgendwann einmal, wenn die Basis sagt: "ihr habt mit uns nicht den Dialog geführt"
  • und die Basis zweifelt diese Beschlüsse an, auch weil keine Abwägung aller Fakten stattfand.

Wir hätten uns nicht wundern sollen, denn schon am Eingang musste ein Polizist Überstunden ansammeln, da er dort zur Wache stand (Sind wir so gefährlich, dass man vor uns Angst haben muss?).

Es hätte Ihnen nicht schlecht gestanden, der Mitgliederöffentlichkeit ein Rederecht zuzugestehen und den Gegenargumenten auch ein Forum zu geben. Immerhin sollte die Kammer sich grundsätzlich politisch neutral verhalten und Ihre Meinungsbildung entsprechend breit anlegen.

Aber eigentlich müssen wir uns bei den Gremien der Handwerkskammer bedanken. Sie haben uns eine Lehrstunde in gelebter Demokratie unseres Staates erteilt und sie haben uns vor Augen geführt, wo der Platz der Basis ist: Auf der Straße bei den Demo´s - hoffentlich zahlreicher denn je. Dadurch wird man gehört.

In Erwartung auf eine Antwort grüßen Sie
Ihre Handwerkskammermitglieder

Rainer und Brigitte Brodbeck
W.Brodbeck GmbH